Erzaehlung #8



Ich sehe den Altbau gegenüber und denke darüber nach, wie viel Schönes Schweiß und Blut produzieren können. Ich denke an meine Knie als Kind, blutüberströmt und dreckig und denke an sie jetzt. Vernarbt und pink und alles meine Haut. Ich denke an meine roten Wangen, roten Augen und die Spuren von den Tränen, glitzernd. Die Augen, glitzernd. Ich denke an das Gefühl im Bauch, als müsste ich mich übergeben, so tief, so lang. Die Sonne fällt auf die sandsteinfarbene Wand und die Ornamente schillern im Licht. Dort ist noch nie etwas Schlechtes passiert. Ich denke an meine Arme unter der Sonne, die Adern, die Leberflecke, die Haare. Mein Ellenbogen, voller Blut, es läuft die Haut entlang, tropft auf das Gras und den Sand. Wieder, die Tränen. Mir ist warm. Wer dort wohl wohnen darf? Ich denke daran, wie du mir ein Pflaster auf das Knie geklebt hast. Zuerst das Wasser, brennend, säubernd, meine Augen geschwollen, das Gefühl, dass alles wieder gut wird. Du hältst meine Hand, fest, damit ich nicht weglaufe. Ich würde nicht weglaufen. Dann tupfst du die Wunde ab und ich beiße die Zähne so fest zusammen, dass es kurz mehr weh tut als mein Knie. Und du streichst über das Pflaster, um es anzukleben, sanfter, als du jemals über meine Wange gestrichen hast. Kurz halte ich die Luft an, kurz fühle ich mich geborgen. Wo ist der Moment hin? Wie halte ich ihn fest? Danach fühle ich mich leer, ausgeraubt, zurückgelassen. Jemand macht das Fenster auf und streckt den Kopf heraus, in die Sonne. Es ist eine junge Frau, braune Haare, dunkles Oberteil. Ich schaue schnell auf meine Hände. Ich möchte die offensichtlichen Fragen stellen, aber ich fühle mich kindisch. Sie macht das Fenster wieder zu.

07.04.2026

-JM

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